Ein Interview mit der Leiterin der Gasabteilung bei der österreichischen Regulierungsbehörde E-Control Dr. Carola Millgramm

Die Regulierungsbehörde E-Control (ECA) – als eine der zentralen Teilnehmerinnen im regulierte Erdgasmarkt – ist mit einer Vielzahl von komplexen Anforderungen konfrontiert. Die Aufgaben beziehen sich teilweise bereits auch auf vorbereitende Tätigkeiten für den intendierten Hochlauf der Wasserstoffwirtschaft. Wie schafft es die ECA diese Herausforderungen – bei gleichbleibend hoher Qualität - zu bewältigen, wie werden die diesbezüglichen Rahmenbedingungen beurteilt und welche „Next Steps“ werden erwartet? Um diese Fragen beurteilen zu können, haben wir ein Interview mit der Leiterin der Gasabteilung, Dr. Carola Millgramm, geführt – nachstehend die Ausführungen.
power2market: Insbesondere der Gassektor ändert sich derzeit ziemlich schnell, Stichwort, Klimaneutralität 2040. Die Gasabteilung der E-Control beschäftigt sich mit der Entwicklung der Gasnetze im Rahmen der nationalen und internationalen Netzentwicklungsplanung, der Erdgasversorgungssicherheit, ist in die Tarifsetzung für die Infrastrukturnutzung eingebunden, arbeitet an dem intendierten Wasserstoffhochlauf in Österreich – um nur einige Aufgabengebiete zu nennen. Wie schafft dieses Team all diese Aufgaben im Hinblick auf das erforderliche Spezialwissen, die notwendigen Ressourcen und die zugehörige Motivation für diese Aufgabenvielfalt?
Dr. Carola Millgramm: Ich habe die Gasabteilung in 2018 übernommen, damals schon mit sehr gut ausgebildeten, erfahrenen und engagierten Mitarbeiter:innen im Team. Mit der Krise 2022 haben wir ein „Teambuilding“ durchgemacht, dass uns gezeigt hat, wo wir noch besser zusammenarbeiten müssen und uns dann auch zusätzliche Expertise dafür mit neuen Mitarbeiter:innen aufgebaut haben. Für die neuen Aufgaben, die mit der Regulierung eines entstehenden Wasserstoffmarktes kommen, müssen wir vor allem die technische Expertise aufbauen und erweitern – vieles aus der Regulierungstätigkeit kann ja übertragen werden, dafür ist schon das Fachwissen und die Erfahrung vorhanden.
Für mich ist wichtig, dass ein Team unterschiedlich und divers zusammengesetzt ist – es braucht Mitarbeiter:innen, die technisches, aber auch ökonomisches Fachwissen zum Gas- und Wasserstoffmarkt haben, Mitarbeiter:innen, die die Themen strategisch vorantreiben genauso wie die, die Themen detailliert und ausführlich vorbereiten. Und auch die abteilungsübergreifende Zusammenarbeit ist in der E-Control ein wesentlicher Baustein für gute Regulierungsergebnisse. Wir haben in der E-Control ein breites Spektrum an interessanten Aufgaben in der Gestaltung des Energiesystems der Zukunft und gleichzeitig eine sehr hohe Motivation, vom Reden ins Handeln zu kommen und wichtige Themen umzusetzen.
Die Gasspeicher haben sich im Vergleich zu den beiden letzten, warmen, Wintern in diesem Winter stärker entleert. Die Gasspeicher müssen im Sommer/Herbst 2025 wiederbefüllt werden. Erwarten Sie in der Wiederbefüllungsphase Preise die dem jetzigen Preisniveau entsprechen oder sogar noch steigen könnten? Wie sieht die Gasabteilung das Ansuchen Deutschlands um eine (teilweisen) Befreiung des verpflichteten Füllgrades?
CM: Der Speicherfüllstand in Österreich liegt am 26.3. bei 44 TWh, das sind ca. 43% der Speicherkapazitäten in Österreich. Der Einspeicherbedarf wird aber diesen Sommer höher sein als in den letzten Jahren, wenn man wieder ein ähnlichen Speicherfüllstand wie zum 1.11.2024 erreichen will (96 TWh).
Die verpflichtenden EU-Vorgaben wird Österreich auch mit einem niedrigeren Ausgangsfüllstand erreichen. Für die Sicherstellung der Gasversorgung in Österreich ist ein geringerer Speicherfüllstand als 90% ausreichend, auch da die Unsicherheiten aus den Vorjahren (Stopp russischer Gaslieferungen zB) nicht mehr gegeben sind.
In Österreich sind Speicherkunden nicht verpflichtet, ihre Speicherverträge nach festgelegten Mustern zu nutzen. Dies hat aus unserer Sicht den Vorteil, dass der Wert der Speicherung nicht nur auf die saisonale Streuung beschränkt ist, sondern durch kurzfristigen Handel und eine flexible Nutzung des Speichervertrags einen höheren Wert erzielen kann. Daher kann aus unserer Sicht auf eine flexiblere Handhabung der Erreichung der Speicherziele auf EU-Ebene wirtschaftliche Anreize zur Speicherbefüllung unterstützen.
Eines der Kernthemen ist der vorgesehene Ausstieg aus fossilen Energieträgern – somit auch aus Erdgas. Welche Rolle sollte/könnte ihr Team in der Gasnetzstilllegungsplanung einnehmen?
CM: Die Gasnetzstilllegung ist ein Teil der Transformation des Gasnetzes und des Energiesystems. Ein Ziel der Transformation muss die Minimierung der volkswirtschaftlichen Kosten sein. Dies kann nur über eine koordinierte und effiziente Planung der Transformation der Gasnetze unter Mitwirkungspflicht aller Interesseneigner im Wärmemarkt und -energiemarkt erreicht werden. Gesetzliche Anpassungen sind notwendig, um einen effizienten Transformationsprozess zu ermöglichen (Verpflichtung zur kommunalen Wärmeplanung und Stilllegungsplanung, Abschaffung der Anschlusspflicht, Kapazitätsreduktionsprojekte in der Netzentwicklungsplanung).
Die Planung der Transformation des Gasnetzes kann nur Teil einer Gesamtplanung über die verschiedenen Energieverbrauchssektoren sein und muss die verfügbaren Alternativen für die Endkund:innen berücksichtigen. Die Verantwortlichkeiten der E-Control als Regulierungsbehörde beziehen sich aber nur auf den Strom- und Gasmarkt. Synchronisierung von Netzkosten und geringeren Transportmengen/Netznutzern sind entscheidend für die künftige Entwicklung der Netzentgelte – eine Redimensionierung des Gasnetzes an die Veränderungen der Bedürfnisse ist essenziell für eine stabile Entgeltentwicklung. Diese Entwicklungen wird die E-Control im Rahmen ihrer Regulierungstätigkeit detailliert prüfen und in den Netzentgeltfestlegungen berücksichtigen.
Durch den angepeilten Ausstieg aus Erdgas sinkt die Anzahl der Kostenträger folglich steigen die spezifischen Kosten für die Nutzung des Gasnetzes. Arbeitet die E-Control im europäischen Rahmen an der Lösung dieser komplexen Aufgabe?
CM: Wir finden es wichtig, aus Erfahrungen aus anderen Ländern zu lernen. Daher tauschen wir uns auch mit anderen Regulierungsbehörden in unseren Gremien (ACER, CEER) regelmäßig aus, aber auch bilateral mit anderen Regulierungsbehörden zu speziellen Themen für Tarifierung bei zurückgehenden Gasmengen im Netz.
Wie schätzt die Gasabteilung die bisher erzielten Fortschritte hinsichtlich Hochlauf der Wasserstoffwirtschaft ein? Welche Hürden sind zu meistern? Haben sich auf europäischer Ebene in der Zusammenarbeit der Regulatoren diesbezügliche Arbeitsgruppen gebildet?
CM: Eine wesentliche Voraussetzung für den Hochlauf fehlt in Österreich, das ist der gesetzliche Rahmen für den Wasserstoffmarkt, basierend auf der Umsetzung des EU Dekarbonisierungspakets. Nur mit diesen kann sich ein nationaler und EU weiter Wasserstoffmarkt entwickeln. Bisher gibt es im Wesentlichen Forschungsprojekte, die auch wichtig sind, aber noch keine kommerziellen Projekte für die grüne Wasserstofferzeugung und -einsatz. Auch im Infrastrukturbereich sind bisher nur Planungen vorhanden, auch technische Fragen müssen noch geklärt werden. Wir hoffen, dass mit einem neuen Gesetzesrahmen weitere Entwicklungsschritte auch durch höhere Investitionssicherheit möglich werden.
Auf EU-Ebene gibt es in der Zusammenarbeit der Regulatoren einen Austausch zu den Marktentwicklungen und zu der Gestaltung des Regulierungsrahmens, der sicher noch in Zukunft verstärkt wird. Konkrete Projekte hat Österreich z.B. mit Deutschland und Italien zum Südkorridor.
Die Wasserstoffspeicherung in unterirdischen Lagerstätten – in Österreich Porenspeicher – ist bisher nicht prominent diskutiert worden. Können Sie den Lesern ein Update in dieser Richtung geben?
CM: Für die Wasserstoffspeicherung sind noch sehr viele technische Fragen zu klären. Fest steht, dass die saisonale Verschiebung der erneuerbaren Stromerzeugung, die die Wasserstoffspeicherung ermöglicht, ein wichtiger Baustein in einem dekarbonisierten Energiesystem der Zukunft ist. Wir als Regulierungsbehörde begrüßen auch, dass die Speicherunternehmen in dem Bereich der Forschung zu Wasserstoffspeicherung mit innovativen Projekten tätig sind.